Re: Europareise


[ Reisen Cabo Verde - Kapverdische Inseln ]


Geschrieben von barbara am 02. November 2002 20:09:24:

Als Antwort auf: Re: Europareise geschrieben von alfred am 02. November 2002 19:23:51:

lieber alfred.

auch wenn du joachim gemeint hast, so bleibt es ja nicht aus, dass auch andere diesen beitrag lesen - ich fühle mich nun leider angesprochen, insofern, als dass ich antworten mag, man möge es mir nachsehen...

sicher ist eine art reisebericht von grossem interesse, da nicht alle teilnehmen konnten, an dem erlebten, an den gedanken, die sich entwickelten.

fragen, so sagst du, sollte man stellen...

es sind andere worte, die du heute sprichst, vom konsumabhängigen, oberflächlichen, branco-denken-behafteten europa und vom eigentlich nicht wirklich lebenstauglichen menschen in europa.

...und ich finde es sehr interessant und spannend, dies verfolgen zu dürfen...

so wage ich, einige fragen zu stellen:

du hast von dir geredet, dass du lieber im cabo verde sitzen bliebest - wie sehen das die kinder, wie sieht das deine frau christine?

du hast zwischendurch echtes sauwetter mitbekommen - wie habt ihr das erlebt, wie kannst du es - vielleicht durch den abstand? - als angenehm bezeichnen?

bist du zumeist nachts gefahren, als dass du keinen stau erlebtest??

meine persönliche unruhe scheinst du wohlwollend vergessen zu haben, wenn du sagst, es sei von hektik keine spur gewesen...;-)) - empfandet ihr die rennenden leute auf der strasse, die auf den füssen tretenden in der schlange der supermarktkasse nicht als hektisch?

österreich - deutschland - seht ihr beide da unterschiede?


die rückzugmöglichkeit, die erkenntnis, überall leben zu können - ich weiss nicht, ob sich das nach so wenigen wochen beurteilen lässt.

wenn man dir sagt, cabo verde ist soooo schön, dann sagst du in der regel - lebe hier für ein halbes jahr oder länger, probiere es, kämpfe mit den ämtern, kämpfe mit dem alltag - wenn du dann sagst, es ist sooo schön, dann ist es gut.

das gleiche möchte ich hiermit eigentlich gern dir erwidern.

lebe ein halbes jahr hier, mit deiner familie.
in einem haus, unfrei, nicht auf rädern.
melde dich hier, arbeite, sende deine kinder in den hiesigen kindergarten und ich glaube, du redest anders, vielleicht noch mehr in diesen herrlichen grau-feuchten novemberwochen, die depression hervorrufen, egal was für eine frohnatur man sein mag...

wenn man mit einem bulli menschen besucht, von denen man weiss, dass sie nett sind, dass sie willkommen heissen, ohne hast und eile - ich vermute auch ich fände das alles gemach und ruhig und freundlich...

würdest du hier leben, so würde man dir erst einmal sagen, ein bulli sei kein fester wohnsitz, du parkst ihn sowieso falsch, du müsstest dich melden, du hättest die gemeinden, die städte, die ämter, mit wohnsitz nochmal an dir kleben, einschliesslich die organisationen, die dir alle nase lang etwas abverlangen und dir aufs dach steigen, wenn du einmal nachlässig vergessen hast, das radio anzumelden, sonstwas zu tun, wenn dein stellplatz am haus 30 zentimeter zu schmal ist und obendrein hängt der ast des baumes auch noch so, dass er den boden städtischen grundes berührt...
nicht zu vergessen,... und...

sicher ist das erkennen dessen, dass es letztlich das eigene ist, der eigene kleine kreis derer, mit denen man sich umgibt, von grosser wichtigkeit.

seine arche - die du dir ja auch in cabo verde geschafft hast - bietet eben jene harmonie, jenes verstehen, welches zuhause-fühlen ausmacht. das geht sicherlich überall auf der welt. doch die tür von der arche macht man ja auch auf. und vor der tür, vor dem strand an dem die arche ankert, gibt es eben doch sehr grosse unterschiede.

ich mag deutschland nicht verteufeln und ich bin fern davon, zu sagen, europa ist durch und durch... mist...
auch hier gibt es schönes, auch hier gibt es menschen, die man nicht missen möchte, auch hier kann man sich seinen elfenbeinturm und seine arche schaffen, sein revier, wo die draussen bleiben, die eben nicht dazu passen, was man leben möchte...

aber zu sagen, heee, ist ja alles gar nicht so furchtbar - was jammert ihr in deutschland eigentlich, so grau ist es nicht und so hektisch auch nicht und konsumenten gibts doch überall... das ist sicher auch nicht richtig (hast du auch so nicht gesagt.. ich weiss... ich überspitze...)

dass sich in deinen augen so wenig verändert hat, macht mich staunend, denn wenn ich die paar jahre zurückblicke, die ich nun in diesem ort lebe, zurückblicke, dann hat sich alles verändert.

als kind wich ich zur seite, wenn mir ein erwachsener entgegenkommt, heute werd ich plattgerannt...
die kinder liefen damals nicht so rum, als seien es kleine erwachsene und sagten auch nicht wie "saucool" der "megageile kinofilm" sei, sondern wir liefen damals übers stoppelfeld und haben aus stroh häuser gebaut...
(gute alte zeit, was?! ja... ich werde alt...)
das brötchen hat mal nen groschen gekostet, heute bezahl ich sehr sehr viel mehr...
niemand hat dumm geguckt, vor zwanzig jahren, wenn man gegrüsst hat, auf der strasse.
wenn heute jemand auf der strasse laut singt - er muss dann schon hundsblau sein oder nicht mehr alle tassen im schrank haben, ein spinner zumindest allemal sein...
die kinderfreundlichkeit hört auf, wenn man das kind auch nach zwei stunden noch freundlich ertragen muss, die hilfsbereitschaft, wenns ans eigene hemd geht - zum glück bestätigen auch ausnahmen die regel... aber:
es ist sehr viel mehr veränderung als allein die parkuhr, die supermarkt-waage oder die fahrscheine, die man heutzutage wirklich ziehen sollte...
(damals nicht...;-)) )

das, was man nur kurz hat, so würdest du mir sagen, sieht immer hübscher aus, als das ständige, alltägliche...

ich freue mich trotzdem sehr, dass ihr derart positiv resümierend aus europa zurück gekehrt seid, dass die sprache, die erweiterung durch kennenlernen von.. auch für eure kinder so von bedeutung ist.
(nicht alle weissen sind touristen...;-)) wie sagte felix??)

ich denke aber, auch dies hat einfach mit erweiterung zu tun.
du begrüsst es, dass felix nun u-bahnen kennt...
ich begrüsse es, dass jan feststellt, das schwarze menschen sehr viel fröhlicher sind, als weisse...
wichtig ist sicher beides.

was davon von wichtigkeit für das leben ist, ob europa überlebenstauglicher ist, als cabo verde,
ob supermärkte bedeutender sind als berge und wüsten, und ob markenklamotten sinnvoller sind, als werte... das weiss ich nicht...

aber ich glaube, es wäre sicher anders, wenn du wieder in deutschland leben würdest.
mir fallen sofort einige beispiele ein.

dennoch ist es sehr schön, dass du deutschland nun in einem anderen licht siehst und dass diese erfahrung möglich war, dass ihr so positiv zurück gekehrt seid.

viele liebe gruesse,
barbara, die wiedermal ihren senf dazu geben musste... sicher... aber es ging halt nicht anders...




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