[ Reisen Cabo Verde - Kapverdische Inseln ]


Geschrieben von alfred am 12. April 2001 16:45:58:

Als Antwort auf: Re: Antwort - judith geschrieben von bs am 12. April 2001 11:36:25:

Nun denn, dann sollte ich vielleicht doch noch etwas schreiben:
Ich schrieb, daß dieses Thema am Board deplaciert ist, aber vielleicht ganz interessant sein könnte für Leute, die sich mit dem Gedanken auszusteigen tragen. Erst in diesem Zusammenhang verwendete ich den Ausdruck "Looser", ganz bestimmt nicht im Zusammenhang mit Joachim.

Bei Joachim habe ich wirklich sehr viel Emotionen, Kraft und Zeit investiert und war dann bitter enttäuscht. Aber ich war nicht von Joachim enttäuscht, da hatte ich sehr viel Mitleid, ich war von der Situation enttäuscht, war enttäuscht, daß wir es nicht geschafft haben, was wir uns alle erträumt hatten. Ich wehre mich noch immer gegen das Mitleid für Joachim, denn aus Mitleid wird sehr schnell Verachtung, was ich wirklich nicht empfinden möchte für einen Menschen, denn jeder Mensch ist anders und vor allem hat jeder sein Schicksal, dem er nur schwer entgehen kann. Ganz bestimmt hat es einen Sinn, was da abgelaufen ist, nur wir sehen diesen noch nicht.

Dieser Disput hat am Board eigentlich nichts verloren, aber wie schon gesagt, kann er sehr gut sein für die Leute, die von Europa die Nase voll haben und in die Sonne ziehen wollen:
Judith hat etwas ganz Wichtiges gesagt: "ich war dort zum ersten Mal mit wirklichen Existenzängsten konfrontiert" - wer in einem Land wie dem unseren lebt und keine Großfamilie hat, die ihn auffängt, der ist verloren, wenn er nicht selber sein Leben meistern kann. Man muß einen kühlen Kopf haben, alles anpacken und sehr viel Selbstdisziplin haben. Man muß warten können, darf aber auch nichts versäumen. Vor allem, man muß mit sich selber klarkommen, darf nicht wehleidig sein, Selbstmitleid ist tötlich.
Natürlich kann man auch nach Praia oder Mindelo gehen, dort ist das Leben schon ziemlich europäisch. Allerdings muß man da schon mit Kenntnissen aufwarten können, die es nicht in den Reihen der Caboverdeaner gibt. Das kommt eher selten vor. Man kann sich auch in Städten irgendwie durchlavieren, das geht aber auf Dauer auch nicht gut. Man kann mit viel Geld ankommen und etwas aufziehen, dann ist man aber auch ein Selbständiger mit allen Konsequenzen, die ich schon vorhin beschrieben habe, dazu kommt dann noch eine Konkurrenz, es sei denn, man hat so viel Phantasie etwas zu machen, was gebraucht wird, bezahlbar ist und noch nicht existiert. Das zu finden ist aber nicht so einfach, da muß man schon eine Weile hier leben, damit man dieses Wissen für sich erfahren hat.

Beatrice hat mir in einem Mail geschrieben: "Als Selbstaendigerwerbende haben wir unsere Freiheiten, aber sind auch ganz auf uns selbst gestellt. Ich vergleiche mich, zur Schokierung vieler, mit einem wildlebenden TIer, und die Angestellten mit domestizierten Tieren." Da kann ich nur sagen: "Wie recht sie hat". Diese Aussage kann man aber auch auf das Leben in Europa und in einem Land der Dritten Welt übertragen: die Freiheit hat ihren Preis.

Um das Bild von mir noch zurechtzurücken: ich habe sehr viel Einfühlungsvermögen, widme anderen Menschen meine Zeit, bin gerne bereit zu geben, habe endlos Geduld, versuche niemanden zu verletzen - aber, ich habe auch einen glasklaren Verstand und viel Logik, sonst hätte ich die letzten 19 Jahre hier und davor in Europa nicht überleben können. Da ich weiß, wie stark ich bin und auch wo meine Grenzen liegen, ziehe ich dann auch die Konsequenzen daraus - und - brüskiere damit so manche Menschen, denn man hat mich als lieben Latsch eingeschätzt, der ich allerdings nicht bin.
Für eine Reihe von Leuten bin ich ein Spiegel für ihr eigenes Leben. Damit können nicht alle umgehen und deshalb versucht man mir oft zu zeigen, daß meine Lebensauffassung nicht das Gelbe vom Ei sei, was ich aber gar nicht behaupte. Es soll wirklich jeder so leben, wie er meint, daß es richtig ist. Ich habe bei manchen Leuten den Ruf des Missionars, der ich aber überhaupt nicht bin, da habe ich auch gar kein Interesse dran, vor allem weiß ich, daß man nicht reden sondern einfach so leben soll, wie man meint, daß es richtig ist. Aber diese "Missionarsunterstellung" entsteht genau so, wie eben entstanden ist, daß ich Joachim als "Looser" bezeichnet haben soll. Schade, daß diese Leute nicht richtig zuhören, was ich sage, man könnte viel Energie einsparen.
Ich bewerte und beurteile Situationen, Geschehnisse und natürlich auch Menschen wie jeder andere auch. Es ginge ja auch nicht anders, denn sonst könnte ich ja auch keine Entscheidungen fällen und Maßnahmen setzen. Relevant werden diese Urteile aber nur in dem Ausmaß, als diese mich und mein Leben betreffen. Den Rest belasse ich so, wie er ist, dazu habe ich einerseits kein Recht, andrerseits will ich da auch keine Kraft einsetzen. Ich schöpfe mein Selbstverständnis aus meinen Leistungen oder auch Nichtleistungen, nicht aus dem Schicksal anderer Menschen, ich vergleiche mich auch nicht mit anderen, wozu auch? Interessant ist ja nur, daß man überlebt und seine Kinder auf den Lebensweg schicken kann, um danach zufrieden auf sein Leben zurückblicken zu können.

Wie schon gesagt, ich bin für eine Reihe von Leuten ein Spiegel: sie messen sich an mir, reden mit mir, ich gebe Antwort und siehe da, mein Leben und Tun ist plötzlich eine Meßlatte? - Mag sein, nur ich habe sie nicht angelegt, es sei denn, man sieht meine Existenz als Meßlatte, was natürlich individuell sein kann und sicher auch manchmal ist. Warum auch nicht? - Entscheidend ist, was jeder Einzelne daraus macht.

Aber um wieder den Anschluß "Erfahrungen für Aussteiger" zu finden: was bei dieser Geschichte abgelaufen ist, das ist ein Schulbeispiel, daraus kann man, wenn man die Variablen auswechselt (dazu gehört auch der Alkohol, denn es gibt noch genug andere Hemmnisse) schließen, daß es gar nicht so einfach ist loszugehen, vielleicht noch Geld in der Tasche zu haben, sagen "Hallo ich bin da" und es geht in der Sonne weiter. Ich habe viele Gespräche in dieser Art schon gehabt und mußte für mich feststellen, daß darunter eine Reihe von Menschen wirklich hier glücklicher sein könnten, leider aber vermutlich alles nur aus ihren Augen als Mitteleuropäer sehen können (vorsicht, ich habe gesagt "sehen können" - nicht "sehen"). Woher sollten sie denn die Erfahrungen haben? Da gibt es Bereiche, die man einfach nicht erklären kann, so wie es schwierig ist einem Caboverdeaner zu erkären, was Schneeschmelze ist. Aber vielleicht spürt der Eine oder Andere etwas aus diesen Beiträgen heraus.

Zum Abschluß noch: lest Euch den Text mehrmals durch und achtet auf die einzelnen Wörter, damit nicht wieder Vorurteile gegen mich entstehen und falsche Meßlatten an mich angelegt werden. Das soll nicht zynisch sein, ist mir wirklich ganz ernst und wichtig.


mit vielen Grüßen

Alfred




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